12. November 1918: Wahlrecht für Frauen

 

Ulla Groskurt: Die SPD steht in einer historischen Tradition

Der Kampf um die staatsbürgerliche Gleichstellung von Männern und Frauen dauerte Jahrzehnte. Von den Parteien in Deutschland standen dabei lediglich die Sozialdemokraten an der Seite der Frauenverbände. Am 12. Nov. 1918 wurde in der Weimarer Verfassung das Wahlrecht gesetzlich verankert und im Januar 1919 nahmen 82 Prozent der erstmals wahlberechtigten Frauen dieses Recht wahr.

Diese historische Errungenschaft und der jahrzehntelange erbitterte Kampf um das Frauenwahlrecht ist heute kaum noch nachvollziehbar. Er verlief in Deutschland nicht so radikal, wie ihn die so genannten „Suffragetten in Großbritannien“ betrieben, die bei ihren nicht zimperlichen Aktionen mit Säure die Parolen „Votes for Women“ in den „heiligen Rasen“ britischer Fußball- und Golfplätze schrieben, aber auch hier trafen fundamentale Ansichten aufeinander.

Adolf Lette, Vorsitzender des Vereins zur Förderung der weiblichen Erwerbstätigkeit stellte noch 1901 klar: „Was wir nicht wollen und niemals, auch nicht in so fernen Jahrhunderten, wünschen und bezwecken, ist die politische Emanzipation und Gleichberechtigung der Frauen.“ Dazu kam, dass auch die Frauenbewegung gespalten war. Dem so genannten bürgerlichen Flügel ging es hauptsächlich um bessere Bildung für Mädchen, um Zugang zu höheren Schulen und Universitäten und Chancengleichheit im Beruf.

Dem gegenüber stand in radikaleren Frauenbewegungen die Forderung nach der absoluten Gleichstellung im privaten und öffentlichen Leben. Dafür war das Stimmrecht unabdingbarer Voraussetzung. In einem Artikel einer Tageszeitung vom 10 September 1918 kommentiert ein Redakteur den „großen Umsturz mit einem diktatorischen Gesetz“ der neuen Regierung, das Frauen das Wahlrecht verleiht. „...Als ABC-Schützen beginnen sie jetzt in einem großen Buche der Politik zu blättern... Aber zu ihrer Ehre sei gesagt, sie sind eifrige, lernbegierige Schülerinnen, sie drängen danach die Wege gewiesen zu bekommen... Die gleiche rege Werbetätigkeit, die sozialdemokratisch gesinnten Frauen von jeher, oft unter Anwendung rücksichtslosen Zwanges, geübt; muss in taktvoller, aber gleich wirksamer Art von den Frauen der Bürgerkreise ausgehen...“ Mit dem ungetrübten Blick der Männerwelt, rät er den „Neulingen sich bei Vätern, Gatten oder Brüdern beraten zu lassen...“

Das die Reichstagsabgeordnete Marie Jucharcz 10 Jahre später in einer Reichstagsrede besonders hervorhob: „Das Frauenwahlrecht ist eine Folge der gegenüber früher völlig veränderten sozialen Lage der Frauen.“ macht auch deutlich, dass auch den weiblichen Abgeordneten klar war, wählen dürfen allein ist erst der Anfang gesellschaftlicher Gleichstellung.

Das Jahr 1918 muss deshalb nicht nur als Meilenstein einer demokratischen Entwicklung in Deutschland gelten. Es gilt auch die Erinnerung an die Frauen der ersten Stunde und ihr zähes Ringen um Gleichberechtigung und Emanzipation wach zu halten. Nichts ist uns „geschenkt worden“, so die ASF Landesvorsitzende Ulla Groskurt in einer Pressemitteilung wörtlich. Gleichwohl betrachte ich diesen Kampf als ein Stück Tradition der SPD die uns stolz machen kann, die uns aber auch verpflichtet. Egal ob im Hinblick auf politische Ämter, gleiche Aufstiegschancen, Lohngleichheit oder Bildungschancen, eine moderne Gesellschaft darf es sich nicht erlauben, auf die Hälfte ihres Potentials zu verzichten. Das wird damals wie heute Überzeugungsarbeit notwendig machen.

 

 


Kommentar schreiben

Netiquette
 

Selbstverständlich beachten wir die Vorschriften des Datenschutzes.
Hier geht es zur Datenschutzerklärung.

Senden
 

Netiquette

Schließen
 

Unsere Internetseite soll eine Plattform für ernsthafte Diskussionen sein, bei dem Toleranz, Offenheit und Fairness zu den Grundprinzipien gehören. Wir begrüßen sachliche und konstruktive Inhalte, die zu einer angeregten Diskussion beitragen und der Meinung anderer Kommentatoren tolerant und unvoreingenommen begegnen. Wird gegen diese Grundprinzipien verstoßen, kann dies zur Löschung von Kommentaren führen.

Um bei uns zu kommentieren muss die eigene E-Mail-Adresse angegeben werden. Selbstverständlich wird diese E-Mail-Adresse nicht veröffentlicht und auch nicht an Dritte weitergegeben. Die Angabe einer falschen E-Mail-Adresse ist ein Verstoß gegen unsere Nutzungsbedingungen. Wir machen daher Stichproben, die dann zur Löschung von Kommentaren führen können. Mit Absenden des Formulars werden unsere Nutzungsbedingungen anerkannt.