Die Weichen jetzt neu stellen

Weichen Mai_2008
 

Ulla Groskurt: Lieber gleich berechtigt als später

Generationen von Frauen haben in einem gesellschaftlichen Umfeld gelebt in dem eins klar war, nämlich wer „der Herr“ im Hause ist. Generationen junger Frauen haben für mehr Gleichberechtigung gestritten, an eine Entwicklung der Emanzipation geglaubt und auch unbestreitbare Erfolge erzielt. Vielleicht halten deshalb junge Mädchengenerationen die Gleichberechtigung für erreicht aber zumindest für „kein Thema“ mehr. Vielleicht ist es auch schwer zu erklären, dass der einfache Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ nach fast 60 Jahren von der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer noch relativ weit entfernt ist.

Zwar ist in der Vereinbarkeitsfrage von Familie und Beruf viel „ins rollen“ gekommen. Alles, weil die Politik dafür Maßstäbe gesetzt hat? Oder ist es nicht so, dass in Folge des demographischen Wandels, in Chefetagen und politischen Zirkeln erkannt wurde, dass zu wenig Kinder geboren werden? Der Anteil der Männer, die Elterteilzeit nehmen, ist von 3,3 auf 10 Prozent gestiegen. Klasse! Aber es wäre eine noch bessere Nachricht wenn sie das nicht überwiegend nur für die anhängenden zwei Monate täten

Wenn Studien recht behalten, wird in spätestens 10 bis 15 Jahren der Geburtenrückgang so dramatisch sein, dass die Wirtschaft es sich nicht mehr leisten kann, auf 50 Prozent der besten Kräfte zu verzichten.

Mit gefühlter Gleichberechtigung will ich mich nicht abfinden

Trotzdem will ich mich mitten in Mitteleuropa nicht damit abfinden, dass der Frauenanteil im Topmanagement gerade zurückgeht, dass in den 30 größten börsenorientierten Unternehmen keine einzige Frau sitzt. Dass gleicher Lohn für gleiche Arbeit, eine gewerkschaftliche Forderung aus den 60-er Jahren, noch immer auf der Tagesordnung steht. Dass Minijobs und Teilzeitarbeit eine Domäne der Frauen sind. Dass Altersarmut für Frauen eine kommende politische Aufgabe.
Ich will mich damit nicht abfinden und kann deshalb mit „gefühlter Gleichberechtigung“ nichts anfangen. Denn die Mädchen, die – weil besser in der Schule – in Scharen in die Top-Jobs durchstarten, sehe ich eben nicht. Genauso wenig sind die vielfach beklagten kinderlosen Akademikerinnen in den Chefetagen wahrzunehmen. Das ändert sich auch nicht durch Talk-Shows aus denen man zumindest lernen kann, dass Frauen über die „Gebärmuttermaschinen-Bezeichnung“ eines deutschen Bischofs, anstatt diese Ungeheuerlichkeit zu brandmarken, noch über sich selber herfallen.

Wir müssen weiterkommen, auch mit der Gleichberechtigung, weil dieses Land sonst in vielen Bereichen den Anschluss verliert. Alle Erfahrung zeigt, dass es allemal effektiver und klüger ist, zu steuern solange noch „Dampf auf dem Kessel“ ist. Dabei geht es nicht nur um große und werbeträchtige bundespolitische Rahmenbedingungen, sondern auch um ein Weiterkommen in frauenpolitischer Gesellschaftskultur generell, im Land und ganz bestimmt „vor Ort“.

 

 


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