Ungewollt Kinderlos

 

Ulla Groskurt: Nicht nur eine Frage der Zahlen

Seit einiger Zeit treibt mich das Thema der ungewollten Kinderlosigkeit um, so die Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) in Niedersachsen. Nach der im Juni zu diesem Thema veröffentlichten Allensbach Studie - über deren Seriosität man, wegen der Finanzierung durch ein Biotech-Unternehmen sicher unterschiedlicher Meinung sein kann - bin ich auf eine Vielzahl bedenkenswerter Anmerkungen gestoßen. Besonders betroffen macht die persönliche Situation von Familien, die ungeheuere Wege gehen um einen Kinderwunsch zu realisieren. Will man der Studie so nicht glauben, kann man sicher die gefestigten Zahlen zugrunde legen die nach den Einsparungen durch die Gesundheitsreform 13.000 weniger Geburten durch künstliche Befruchtung feststellen. Denn statt die Kinderwunsch-Behandlungen finanziell zu fördern, setzte die Gesundheitsreform 2004 hier den Rotstift an. Während die gesetzliche Krankenkassen früher vier Behandlungszyklen der In-vitro-Fertilisation voll erstatteten, bezahlen sie seitdem nur noch die Hälfte von höchstens drei Behandlungen. Den Rest müssen die Paare selbst übernehmen und das sind bei drei Behandlungen mehrere tausend Euro, so Ulla Groskurt. Seit 2004 ist die Anzahl der Behandlungen gegen Unfruchtbarkeit um 52 Prozent zurückgegangen. Liest man den Gesetzentwurf von SPD, CDU/CSU und Bündnis 90/Die Grünen zur Gesundheitsreforn, prognostizieren die Veränderungen 2007 bei „künstlicher Befruchtung und Sterilisation“ zusammen eine geschätzte Einsparung von 0,04 Prozent am Gesundheitsbudget.

Diese Diskussion dürfen nicht nur Finanzexperten führen
Eine andere Position in der Nachbarschaft nimmt Dänemark ein, dort bekommen Paare mit unerfülltem Kinderwunsch drei Behandlungen voll bezahlt. Die über diesen Weg wahr gewordenen Kinderwünsche machen dort an den Geburten fast vier Prozent aus und sind damit fast zweieinhalb Mal höher als in Deutschland. Ich möchte diese Diskussion nicht mit übermäßigen Zahlen strapazieren aber die Berechnungen des Berliner Instituts für Bevölkerungsentwicklung haben die „dänische Entwicklung“ übertragen und stellen fest, dass bis 2050 in Deutschland 850.000 Kinder mehr zur Welt kommen würden, die dann direkt oder indirekt auf eine Befruchtung außerhalb des Körpers zurückgehen. In einer öffentlichen Petition zum Deutschen Bundestag aus dem Juni 2007 (bei der öffentlichen Auslegung im Internet haben sich innerhalb von 6 Wochen 4.000 Mitunterzeichner eingetragen) hat der Petitionsausschuss die eingeschlagene Sparlinie der Gesundheitsreform noch einmal bekräftigt. Die generell strittige Frage, ob eine eingeschränkte Zeugungsfähigkeit als Krankheitsbild gilt, also über die Krankenkassen oder im anderen Fall steuerfinanziert werden müsste, ist sicher ein treffliches Streitobjekt, das den Finanzexperten reichlich Raum für Diskussionen gibt. Jedenfalls sind Überlegungen, zumindest eine teilweise Rücknahme dieser Kürzungen zu erreichen, nach meiner Information wohl nicht über die Berliner-Referentenebene hinausgekommen.

Denen die Kinder wollen nicht zu helfen, ist in unserer Situation nicht klug
Dabei ist die Fortpflanzungsmedizin für mich nicht „die Rettung einer kinderlosen Gesellschaft“. „Ganz sicher muss die Reproduktionsmedizin aber raus aus der Tabu-Zone und dem Gerangel von Finanzexperten“, so die ASF-Landesvorsitzende. Elterngeld, Kita - Ausbau und eine insgesamt familiengerechtere Politik mit der Vereinbarkeit von Kindern und Beruf haben für mich schon die erste Priorität. Mich hat aber einmal die Breite dieses Themas überrascht und zum anderen diese sagenhaften Wege, die ungewollt kinderlose Ehepaare auf sich genommen haben stark beeindruckt. Das empfinde ich als menschlich sehr verpflichtend, so die Abgeordnete in einer Pressemitteilung.

 

 


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