Kein Platz für Klischees und Vorurteile

Die Frauenkirche in Dresden
 

Ulla Groskurt: Gedanken nach einer Dresden-Reise

„Wenn einer eine Reise tut, kann er auch was erzählen“ heißt es im Volksmund. „Nun sind Reiseeindrücke natürlich immer sehr subjektiv und man kann sich kaum dagegen schützen, dass einem dazu Gedanken kommen, die man schon lange im Kopf hatte. Einige Tage in Dresden bringen die Gedanken natürlich auf die deutsche Wiedervereinigung“ so die Landtagsabgeordnete Ulla Groskurt in einer Pressemitteilung. „Die Gespräche in den Talkrunden, was denn alles falsch gelaufen ist, und wie viele Milliarden in den Sand gesetzt worden sind und immer noch in den Sand gesetzt werden. Es scheint diesen gesamtdeutschen Hang zu geben, die große gemeinsame Unzufriedenheit zu bejammern. Die Politik ist unzufrieden mit den Wählern, die Wähler sind unzufrieden mit der Politik und es sind alle unzufrieden darüber, dass wir so unzufrieden sind.

In Folge dieser Zeiterscheinung gibt es in Deutschland kaum noch Krisen sondern nur noch Katastrophen. Mit dieser pessimistischen Grundeinstellung steht die Arbeit der großen Koalition nicht unter dem Gesichtspunkt der Chance, sonder gilt als Heimsuchung, die Rufe nach einer Änderung des Wahlrechts laut werden lässt. Dass die Parteien sich nach einem monatelangen Wahlkampf nicht innerhalb von zwei Wochen auf eine neue Regierung einigen können, gilt nicht als normal, sondern wird als Desaster in allen TV-Kanälen gehandelt. Selbst mühsam erarbeitete Errungenschaften werden von blitzgescheiten Expertenrunden, die alle eines gemeinsam haben, nämlich dass sie nicht zu den Betroffenen gehören, in Frage gestellt. Der Sozialstaat ist ja keine Traumtänzerei, sondern Ergebnis eines langen Lernprozesses im Umgang mit Ungleichheit. Statt diesen Prozess fortzusetzen, wird sein bisheriges Ergebnis verdammt.
Ich finde, und das ist mir in Dresden sehr deutlich geworden, die Deutschen dürfen sich auch ruhig mal auf die Schulter klopfen, zum Beispiel bei der aus Ruinen wiedererstandenen Frauenkirche. Das Geld dafür haben Privatleute zusammengebracht. Richtig ist auch, dass dieses Barocke Juwel ein Ort einer geschichtsträchtigen Erinnerung ist. Aber sie ist auch ein Symbol für das, was früher Bürgersinn hieß. Und es ist gut, dass dieses Symbol im Osten steht. Ich erinnere mich noch an die ersten Umzüge, als aus ehemaligen DDR-Fahnen das Staatsymbol herausgeschnitten war. Dieses Loch zu füllen ging nicht einfach nach dem Motto „der Fachmann im Westen sagt dem Laien im Osten was er falsch gemacht hat“. Es hat sich auch gezeigt, dass dieses Loch mit Subventionen, Solidarzuschlägen und den Lebensweisheiten der Bundesrepublik nicht ausgefüllt werden konnte. Dieses Loch kann meiner Ansicht nur gefüllt werden mit den Tugenden des Bürgersinns und vor allen Dingen mit Anerkennung. Die Ostdeutschen haben beim Sich-Eingewöhnen in einer völlig anderen wirtschaftlichen, administrativen und kulturellen Welt gewaltige Umstellungsleistungen vollbracht. Am wenigsten hilfreich ist es, wenn man sich mit Klischees und Vorurteilen begegnet.

 

 


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